Donnerstag, 11.12.2003, 11:30 Uhr
Eine Stunde später stand ich vor 29 Mitarbeitern.
Eine Woche vorher hatte ich mich mit meiner Frau ins Auto gesetzt und war ins Zillertal nach Mayrhofen gefahren. Kopflos. Die Kinder bei einer Babysitterin, die wir selbst kaum kannten. Berge, weil ich Weite brauchte, um den 11.12. durchzuhalten. Donnerstag, 11:30 Uhr, Amtsgericht, Insolvenzeröffnung. 12:30 Uhr, eigene Firma, vor 29 Mitarbeitern. Das sind keine 29 Menschen. Das sind 29 Familien, schnell 100 Leben an einer Entscheidung. Die Versammlung war kurz. Den ersten Satz weiß ich nicht mehr.
Wenn du in einer Stunde 29 Mitarbeitern erklären musst, dass es vorbei ist, lernst du in 60 Minuten mehr über Verantwortung als in zehn Jahren Konferenz.
Die Woche danach.
Sieben Tage später hatten alle, die wechseln wollten, einen neuen Job. Weil ich mich aktiv darum gekümmert habe. Die Firma wurde sauber abgewickelt, Stück für Stück. Lieferanten und Partner haben am Ende ihr Geld gesehen.
Wer fällt, kann immer noch dafür sorgen, dass die anderen weich landen.
Genau deshalb hatte ich danach jeden Job, den ich wollte. Mein Ruf war das, was die Insolvenz mir nicht nehmen konnte.
Zehn Tage später
Am 21.12.2003 sagte meine Frau, sie ist schwanger.
Zehn Tage nach dem Termin beim Amtsgericht sagt meine Frau, sie ist schwanger. Drittes Kind. Ich, 30 Jahre alt, zwei Kinder zu Hause, eineinhalb und zweieinhalb. Geschäft weg. Haus auf der Kippe. Ich sage es, wie es war: da habe ich mir ganz schön in die Hose gekackt.
22 Jahre später weiß ich: dieses Kind war der beste Tritt, den uns das Leben in der Phase geben konnte. In dem Moment hat es sich angefühlt wie der zweite Schlag in derselben Woche. Beides stimmt. Beides gehört zur Wahrheit.
Sechs Jahre Warten, der falsche Berater, das verlorene Haus.
Insolvenz ist nicht ein Datum, das ist ein Jahrzehnt. Der falsche Insolvenzberater hat uns das Haus gekostet. Die Tilgung war niedriger als die Miete, die wir danach gezahlt haben. Direkt in die Privatinsolvenz konnte ich nicht, drei kleine Kinder zu Hause, das wäre unter Hartz-IV-Niveau gewesen. Also sechs Jahre warten. 2009 ging es los, bis 2015/2016 lief die Wohlverhaltensphase. In der Zwischenzeit Vertriebsregionalleiter bei einem italienischen Teleskoplader-Hersteller, deutlich über sechsstellig im Jahr. Entnehmen durfte ich nichts.
Wer dir verkauft, eine Insolvenz sei eine Phase, hat keine durchgemacht. Eine Insolvenz ist ein Jahrzehnt, in dem du jeden Monat beweisen musst, dass du der Richtige bleibst.
2004
Online-Marketing, lange bevor es so hieß.
Während die Insolvenz lief, baute ich nebenher das auf, von dem ich heute lebe. Google AdWords war seit 2000 live, ich habe 2004 die ersten Anzeigen geschaltet, früher Adopter in Deutschland. Facebook Ads kamen 2009 für den Self-Serve-Markt, ich war 2009 dabei. 2013 ging Networxsvision an den Start, Online-Coaching für Direktvertrieb, gestaffelt von 29 Euro im Monat bis 998 Euro Einmalprodukt. Geld entnehmen durfte ich nicht. Es floss zurück in die Plattform.
Die wertvollsten Skills lernst du nicht im Bootcamp. Du lernst sie, wenn du keine Wahl hast.
Anfang Dezember 2016
Der Mittwoch, an dem der Kopf ausgestiegen ist.
Burnout schleppt man Jahre mit sich rum, bevor er körperlich wird. Bei mir wurde er körperlich an einem Mittwoch Anfang Dezember 2016. Ausfall eines Gleichgewichtsorgans. Lesen ging nicht. Fernsehen ging nicht. Gehen ging nicht. Ich konnte krabbeln. Das war die Phase, in der mir der Boden alles zurückgegeben hat, was ich Jahre unter Hochdruck verdrängt hatte.
Im Juni 2017 sagte mir Karl Matthes, langjähriger Kunde aus der Vertriebszeit, Landwirt und Freund, vor seinem Urlaub einen Satz, der alles drehte:
„Wenn du den Job nicht aufgibst, brauchst du mich nicht mehr anrufen. Jemand wie du fällt immer wieder auf die Füße."
Im Juli kündigte ich. Im November 2017 gab ich Auto und Unterlagen ab. Drei Tage später, morgens in Ägypten, waren die Hüftschmerzen weg, die ich jahrelang auf Verschleiß und Sport geschoben hatte.
Der Körper weiß früher Bescheid als der Kopf. Du kannst ihn überstimmen, eine ganze Karriere lang. Er holt sich am Ende, was du ihm vorenthalten hast.
swing2sleep, das lange Spiel.
Die Marke gab es seit 1999 in Neumünster. Auslöser war kein Businessplan, sondern ein Schreibaby in unserer eigenen Familie. Aus der eigenen Not wurde der Prototyp einer automatischen Federwiege. In der Insolvenzzeit lief swing2sleep über befreundete Unternehmer, der Vertrieb über Mund zu Mund und Hebammen, weil es Social Media noch nicht gab. Das erklärt das langsame, leise Wachstum bis 2017.
2016 raus aus der Privatinsolvenz, swing2sleep nebenher zum Vertriebsjob ernsthaft angeschoben, erste Angestellte. Geld aus dem Vertriebsjob floss ins Produkt. Ab November 2017, nach Kündigung und Auto-Abgabe, ging dann das gesamte Know-how und die ganze Zeit rein. Google Trends zeigt: den Begriff „Federwiege" hat es vor unserem Markteintritt im Suchvolumen praktisch nicht gegeben. Wir haben die Kategorie aufgebaut, nicht nur bedient.
Heute: über 300.000 neu verkaufte Federwiegen. Mit dem Secondhand-Markt rund 700.000 betreute Familien. 959 Trustpilot-Reviews mit 98,3 Prozent Zufriedenheit. Eltern schreiben mir, dass die Federwiege, die ihre Kinder beruhigt hat, jetzt die Enkel beruhigt. Am 29.12.2025 habe ich das operative Geschäft an Patrick Friebe-Blaschke übergeben. Meine Rolle: Strategie, Markenaufbau, Internationalisierung.
27 Jahre, ohne einen Euro Venture Capital, in eine Kategorie hinein, die es vor uns nicht gab. So sieht das lange Spiel aus.
DIN, CEN, ISO, smarla, Awards.
Wenn dein Produkt im Schlaf eines Babys steht, ist es keine Designfrage, sondern eine Sicherheitsfrage. Deshalb sitze ich in fünf Normungsgremien für Babyschlaf-Produkte: DIN NA 042-05-13 AA, CEN/TC 207/WG 2, CEN/TC 252, CEN/TC 364, ISO/TC 136/WG 6. National, europäisch, weltweit.
Wer die Norm mitschreibt, baut die Regel, an der sich der Markt orientiert. Wer sie nur einhält, läuft hinterher.
Mein erster echter KI-Fall war kein Tool, sondern ein eigenes Produkt: smarla, ein Smart Living Assistant, der partielles Aufwachen bei Babys erkannt und reagiert hat. Damals hieß das noch Machine Learning. 2024 gelauncht, 2026 eingestellt. Das Produkt war zu weit voraus. 15.000 Kundenumfragen, aber nur mit Bestandskunden, nicht mit potenziellen. Die teuerste Lehre, die ich kaufen konnte: das beste Produkt scheitert, wenn du den falschen Markt fragst.
Seit 2022 läuft KI bei mir nicht als Buzzword, sondern als produktives Team im Geschäftsalltag. Den German Innovation Award 2023 haben wir mitgenommen, weil das Produkt liefert, nicht weil eine PR-Agentur es so wollte.
Heute, Zypern, Sparring, der nächste Aufbau.
Anfangs war es Steuern, das ist die ehrliche Antwort auf die Zypern-Frage. Heute ist es mehr: das Wetter, die Stimmung der Menschen, das Unternehmer-Mindset, das hier im Alltag normal ist. In Schleswig-Holstein war das schwer zu finden. Von Zypern aus baue ich swing2sleep international auf und nehme Unternehmer ins Sparring, die genau da stehen, wo ich selbst lange stand: zwischen vielen Beratern und keinem, der wirklich hilft.
Sparring war nie ein Plan. Seit 2006 habe ich Unternehmern in Krisen unentgeltlich zugehört, weil ich die Lage von innen kenne. Irgendwann hat das so viel Zeit und Energie gekostet, dass es nicht mehr gratis sein konnte. Heute nehme ich pro Quartal eine kleine Zahl an Sparringspartnern auf.
Ich kann dir keinen Weg empfehlen, den ich nicht selbst gegangen bin. Insolvenz, Wiederaufbau, Burnout, Comeback, Übergabe, Auswanderung. Alles selbst durchgemacht, nichts aus dem Buch.